Dieter Noeske
Dieter Noeske wurde als zweiter von vier Söhnen des Kaufmanns Berthold Noeske in Wriezen an der Oder geboren. In der über Generationen in Norddeutschland ansässigen Kaufmannsfamilie gehörte das musikalische Leben zu den Selbstverständlichkeiten im Hause. Dieter Noeske erhielt vom 7. Lebensjahr an Unterricht bei der renommierten Eberswalder Konzertpianistin Hedwig Schmidt und vervollkommnete seine Fähigkeiten auch im Violinspiel. Im Laufe dieser Jahre wuchs die Liebe zur Kirchenmusik derart, dass er bereits im Alter von 12 Jahren in verschiedenen Gemeinden den Organistendienst übernahm. Diese musikalischen Voraussetzungen bereiteten dann auch den Weg in den Orgelbau.
Ein beliebter Aufenthaltsort während der Schulzeit war die kleine Orgelbauwerkstatt Gerbig in
Ebers-
walde, die einige Zeit später zur Ausbildungsstätte im Orgelbau werden sollte. Nach Abschluss
der Lehre und dem Besuch der Fachschulen
(seinerzeit noch in Berlin ansässig) wechselte Dieter
Noeske zur Werkstatt Karl Schuke nach Berlin. Hier
wurden nach kurzer Einarbeitungszeit die
Konstruktion und vor allen Dingen die Intonation
seine Hauptaufgabenfelder. Die letzte große
Intonationsaufgabe war die viermanualige Orgel der
Petri-Kirche in Mühlheim an der Ruhr unter der
Federführung des dortigen Kirchenmusikers Prof.
Siegfried Reda.
Nachdem er in Berlin seine Fähigkeiten in der
Orgelimprovisation beim seinerzeit bekannten
Dozenten und Kirchenmusikdirektor Werner Ingo Schmidt weiter vervollkommnet hatte, schloss er
bereits im Alter von 23 Jahren den Vertrag zur Übernahme der Rotenburger Orgelbauwerkstatt
August Möller. Den Ab-
schluss einer umfangreichen und langen Ausbildung bildete 1964 die
Meisterprüfung bei der Firma Paul Ott in Göttingen.
Einen Höhepunkt der künstlerischen Laufbahn stellt die Arbeit an der
großen Orgel der Auenkirche in Berlin Wilmersdorf dar. Schon als junger
begeisterter Orgelbauer hat sich Dieter Noeske mit diesem
in
Fachkreisen hoch geschätzten Instrument in einer Weise vertraut
gemacht, durch die seine gesamte Orgelbauerkarriere geprägt wurde.
Die Erkenntnisse und Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass sich
die Orgelbauwerkstatt Rotenburg unter seiner Federführung schon in den
frühen siebziger Jahren einen außerordentlichen Ruf erworben hat. Der
Name „Noeske-Orgel“ steht bis heute für ein hohes Maß an
orgelbauerischer Qualität und eine Intonations- und Klangkultur, die in
Fachkreisen schon seit Jahrzehnten ein hohes Maß an Anerkennung
findet.
Dieter Noeske hat es durch seine Offenheit stets verstanden, strittige Orgelbauthemen auch gegen
den Zeitgeist zu diskutieren und Lösungen zu finden, die oftmals unkonventionell waren, aber immer
auf dem Fundament seiner Beschäftigung mit einer Vielzahl bedeutender historischer Orgeln aller
Zeit-
epochen standen. Die daraus resultierenden Instrumente sind auf der Basis höchsten
handwerklichen und künstlerischen Niveaus gebaut. Somit sind alle Arbeiten von großer
Beständigkeit. Die Instrumente der Orgelbauwerkstatt Rotenburg unterliegen keinen
Modeströmungen und weisen damit ein hohes Maß an Nachhaltigkeit auf.
Neben der Unterstützung der Bachorgel-Rekonstruktion in der St. Katharinen Kirche in Hamburg www.stiftung-johann-sebastian.de setzt sich die Fa. Noeske in besonderer Weise für den Erhalt und die Wiederherstellung vor allem kleiner Dorforgeln in den neuen Bundesländern ein. Durch tatkräftige Hilfe konnten hier bereits etliche Instrumente vor dem Verfall bewahrt werden und zur Freude der Gemeinden wieder in Gottesdienst und Konzert erklingen.
Dieter Noeske ist es gelungen, einen fähigen und loyalen Mitarbeiterstamm aufzubauen, dem er
seine „Geheimnisse“ offen anvertrauen und weitergeben kann. Somit ist auch der anstehende
Generations-
wechsel eingeleitet, indem sein langjähriger Mitarbeiter und Werkstattmeister Peter
Kozeluh (geb.1961) seit Sommer 2008 als Teilhaber eingeschrieben ist.
Der Mitherausgeber der ehemaligen Fachzeitschrift „Die Orgel“, Friedrich Sprondel, hat im Beiheft
zur CD-Aufnahme „Richard Wagner in Transkriptionen für Orgel - Jörg Strodthoff an der Orgel der
Auen-
kirche in Berlin-Wilmersdorf“ (ersch. im JUBAL Musikverlag - www.jubal.de) die Philosophie
Dieter Noeskes in vortrefflicher Weise beschrieben:
„ (…) Wie klingt nun aber die Orgel der Auenkirche nach all diesen Umbauten? Eigentlich hat sie eine
ähnliche Geschichte wie etliche andere Instrumente ihrer Generation: Erbaut um die
Jahrhundert-
wende, wurden sie zunächst oft modernisiert und dann barockisiert; viele von ihnen
wurden inzwischen durch neue Orgeln ersetzt. Man bemängelte an solchen häufig umgebauten
Orgeln, dass sich altes und neues Pfeifwerk, alte und neue Windladentechnik nicht gut vertragen
hätten, oft seien sie innen verbaut gewesen und hätten nur noch unzuverlässig funktioniert.
Die letzten beiden Kritikpunkte sind im Fall der Orgel in der Auenkirche bald vom Tisch: Jede
Windlade ist gut zugänglich und die Funktionstüchtigkeit lässt keine Wünsche offen. Überraschend
ist, wie gut sich hier Neues und Altes verbindet. Selbst das Hauptwerk, dessen Pfeifenwerk aus allen
Ausbau-
phasen der Orgel stammt und auf Taschen-, Kegel- und Schleifladen steht, klingt einheitlich,
präsent und kraftvoll.
Entscheidend ist möglicherweise, dass das Instrument seit vier Jahrzehnten von demselben
Orgel-
bauer betreut wird. Dieter Noeske hat der Orgel seinen Stempel aufgeprägt. Er wurde in der
Werkstatt Karl Schukes in Berlin zum Intonateur ausgebildet,
seine letzte Arbeit unter dessen Leitung war die Intonation der
großen Orgel für St. Petri in Mühlheim an der Ruhr, erbaut 1959
nach Plänen Siegfried Redas. Die kernigen, hellen und
ausgewogenen Prinzipalchöre von Hauptwerk und Positiv in der
Auenkirche erinnern an jenen Stil, haben aber eigenes, über
Jahrzehnte entwickeltes Gepräge.
Auch die erhaltenen und rekonstruierten romantischen Stimmen
sind charakteristisch intoniert, und sie verbinden sich gut mit
den Registern jüngerer Prägung. (…) So ist der Orgel für die
Musik der unter-
schiedlichsten Epochen ein überzeugendes Klangbild abzugewinnen: hell zeichnend,
füllig oder romantisch düster.
Eine Bach´sche Triosonate klingt dank der ganz vorne stehenden Register von Hauptwerk und Positiv klar und frisch. Die Orgel wirkt mit der Vielfalt ihrer Farben und den unüberschaubaren Möglichkeiten wie ein großes musikalisches Kaleidoskop.
Wenn es darum geht, die jüngsten Arbeiten an der Orgel der Auenkirche zu beschreiben, meiden
Orgelbauer und Organisten den Begriff Rückbau; sie sprechen lieber von einer Teilrekonstruktion.
Aber auch dieses Wort trifft nicht die Mischung aus Rekonstruktion, Erweiterung und dem technisch
und klanglich Neuen, das die letzte Ausbauphase brachte. Die Orgel hält nun für ein großes
Repertoire passende Klänge bereit, und Ihre Ausstattung mit romantischen Farben geht weit über
das bei moder-
nen Orgeln übliche Maß hinaus. (…) Dass sie auch neobarockes Registrieren erlaubt,
betrachten alle Musiker als großen Gewinn. (…) Es ist nicht einfach, die Orgel der Auenkirche mit
wenigen griffigen Worten einzuordnen; einfacher ist es, sie kennenzulernen und zu hören, was für ein
schönes und vielseitiges Instrument sie ist.
Dass die Synthese von Klängen unterschiedlicher Prägung in der Auenkirche so gut gelungen ist und so ausgiebig genutzt wird, ist zum einen Grund zur Freude für die Gemeinde und das Konzertpublikum. Zum anderen gibt es Anlass, einmal darüber nachzudenken, warum eigentlich das Wort „Kompromiss“ in Orgeldingen mit einem grundsätzlichen Verdacht behaftet ist. Reine historische Konzepte binden auf Gedeih und Verderb an das Vorbild oder den Zustand, den man rekonstruieren will. Je strikter man ihnen folgt, als desto gelungener gilt das Ergebnis - mit allen seinen Einschränkungen. Kompromisse hingegen gewähren Raum zur Gestaltung. Hier wie dort jedenfalls dürften Sorgfalt und großes Können der Schlüssel zum Gelingen sein.“
(mit freundlicher Genehmigung des JUBAL Musikverlages www.jubal.de)
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